In den letzten Jahren haben wir auf unseren Workshops und Fotoreisen immer wieder beobachtet, wie sehr sich bestimmte Grundsätze bewähren – egal ob in Patagonien, in Panama oder hier in Deutschland. Es sind Grundsätze, die in jeder Situation stimmen, Sätze, die wir immer wieder sagen: Bei der Streetfotografie in Panama City, der Tierfotografie in Alaska, an einem stürmischen Morgen in der Landschaft Chiles oder am märchenhaften Spot in Schottland.
In diesem Beitrag
Der Weg zum perfekten Foto
Gute Fotos entstehen selten zufällig. Sie entstehen durch Aufmerksamkeit, Geduld und ein paar Prinzipien, die in allen Genres greifen. Vielleicht kennst du einige davon schon. Vielleicht hast du sie selbst schon gedacht, aber nie so klar formuliert. Und vielleicht helfen sie dir dabei, bewusster zu fotografieren und das nächste Mal genau die Fotos zu machen, die du im Kopf hast.
Hier sind 12 Grundsätze, die wir unseren Teilnehmern immer wieder mitgeben – und die auch uns selbst jeden Tag begleiten, wenn wir eine Kamera in der Hand haben. Diese Grundsätze verändern immer die Bildqualität und bringen den Fotografen deutlich weiter. Daher wollen wir sie hier mit dir teilen!

12 Sätze, die wir auf Fotoreisen immer wieder sagen
1. Hör auf, dich zu hetzen
Welche Einstellungen sind die richtigen? Welche Brennweite passt? Brauche ich einen Filter? Und warum macht die Kamera plötzlich nicht das, was ich will? Schnell, ich verpasse den Moment!
Wir verraten dir etwas: Dieser innere Stress ist ganz normal. Fotografie ist komplex – und je mehr man dazulernt, desto mehr Fragen tun sich auf. Das geht Anfängern so, aber auch denen, die schon viele Jahre fotografieren.
Gerade wer hohe Ansprüche an sich hat, gerät schnell ins Hetzen. Dann wird wild an Rädchen gedreht, im Menü gesucht oder der nächste Filter aufgeschraubt, ohne überhaupt zu wissen, wo genau das Problem eigentlich liegt. Und genau hier entsteht der Moment, in dem Fotografie anstrengend wird.
Unser wichtigster Tipp in solchen Situationen ist:
Atme durch. Nimm den Druck raus. Komm kurz bei dir an.
Schau in Ruhe auf ISO, Blende und Belichtungszeit – auf die drei Dinge, die du wirklich brauchst. Versuche dich daran zu erinnern, was du über sie weißt und ob eine von ihnen vielleicht gerade das Problem verursacht. Du wirst überrascht sein, wie viel Klarheit entsteht, wenn man erst einmal einen Moment lang nicht handelt.
Wir alle – egal, wie lange wir schon fotografieren – sind in besonderen Fotosituationen angespannt – insbesondere, wenn es darum geht, kurze und flüchtige Momente zu fotografieren. Aber Panik führt nie zu besseren Fotos. Wenn gar nichts mehr geht, mache erstmal ein Foto im Vollautomatikmodus, um die Situation zu entspannen. Dann hast du einen Ausgangspunkt – und kannst Schritt für Schritt wieder in deine gewohnten Einstellungen zurückkehren.
Gute Fotos brauchen Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit. Nimm dir die Zeit und gönn dir Entschleunigung. Sieh Fotografie als das, was es ist: Ein wunderschönes Hobby – kein Höher-schneller-weiter-Wettbewerb.
Fotoreisen-Beispiel:
Gerade am Anfang der Reisen sind einige Teilnehmer aufgeregt und haben das Gefühl, dass bei ihnen alles perfekt funktionieren muss. Das muss es aber nicht – und das tut es bei uns auch nicht! Einer der wichtigsten Grundsätze für gute Fotos ist, sich Zeit zu nehmen. Zeit am Spot, Zeit für die Einstellungen, Zeit für den Moment. Und auch Zeit für Probleme. Denn diese sind keine unvorhergesehene Katastrophe, sondern gehören ganz normal dazu und können – mit Ruhe und Gelassenheit – fast immer sofort gelöst werden.

2. Geh früher los, als du für sinnvoll hältst, und bleibe länger
Die Frage, wann man am Spot sein sollte, um den Sonnenaufgang zu fotografieren, beschäftigt jeden Landschaftsfotografen. Fünf Minuten vor Sonnenaufgang? Eine halbe Stunde früher? Noch früher?
Wenn wir denken, dass wir um 6 Uhr da sein sollten, um einen Sonnenaufgang in herrlicher Landschaft zu fotografieren, sind wir besser um halb 6 da. Und wenn wir denken, dass es vorbei ist und wir gehen können, bleiben wir noch zwanzig Minuten. Oft entstehen sensationelle Fotos genau in dieser zusätzlichen Zeit.
Fakt ist, dass das beste Licht, die leuchtendsten Farben, der bunteste Himmel oft deutlich vor Sonnenaufgang erscheint. Oft genug ist mit dem eigentlichen Sonnenaufgang schon alles vorbei, die Farben werden schwächer. Wir wollen nicht erst auf dem Weg zum Spot sein oder noch nicht fertig aufgebaut haben, wenn dies geschieht.
An anderen Tagen scheint es zu bewölkt zu sein, um überhaupt fotogenes Licht zu bekommen. Der Sonnenaufgang verstreicht und trotzdem werden die Farben nicht schön, die Landschaft bleibt flau und grau. Verständlicherweise fragen viele unserer Fotoreisen-Teilnehmer an einem solchen Morgen: Wollen wir nicht zurück ins Hotel? Zum heißen Kaffee? Das wird doch jetzt nichts mehr.
Manchmal stimmt das. Aber sehr oft wird es doch noch was.
Wenn wir denken, es wird nichts mehr, warten wir mindestens noch zwanzig Minuten. Vielleicht kommt nichts mehr, vielleicht bleibt das Licht schlecht. Aber viel mehr ärgern wir uns, wenn wir abbauen, im Bus sitzen und auf dem Weg zum Hotel plötzlich der Himmel aufreißt und die Szenerie in den herrlichsten Farben erstrahlt. Solange es diese Möglichkeit noch gibt, bleiben wir am Spot.
Fotoreisen-Beispiel
Beim sehr unbeständigen, oft dramatischen Wetter in Patagonien erleben wir dieses Szenario sehr oft. Die Winde sind stark, Veränderung und Zug der Wolken nicht vorhersehbar. Einige unserer spektakulärsten und leuchtendsten Patagonien-Fotos sind deutlich vor Sonnenaufgang entstanden. Wir fahren daher besonders früh los, bauen am Spot alles ganz in Ruhe auf und perfektionieren unsere Bild-Komposition. Wann genau das Spektakel los geht, wissen wir nie. Nur: Wir sind in diesem perfekten Moment definitiv am perfekten Ort.

3. Mach erst einen Safe Shot – und dann die guten Fotos
Egal, ob du Tiere, Menschen oder Landschaften fotografierst – dieser Grundsatz rettet dir öfter den Tag, als du denkst.
Mach in einer neuen Fotosituation zuerst einen Safe Shot: Ein sauberes, ordentlich belichtetes Foto, das die Situation simpel festhält – ohne Experimente und ohne das Warten auf die perfekte Sekunde. Es beruhigt dich und du weißt: Ich habe etwas im Kasten. Als Nebeneffekt siehst du, ob deine Einstellungen stimmen und dein Foto richtig belichtet und scharf wird.
Im nächsten Schritt kannst du dann wirklich kreativ oder mutig werden, Experimente machen, näher herangehen oder auf den perfekten Moment warten, ohne dass du zu angespannt sein musst: Dein eines Foto hast du ja schon gemacht, die Szene ist bereits festgehalten.
In 90 % der Fälle löschen wir unsere Safe Shots später wieder, weil unsere Anschlussfotos viel besser werden. Dies werden sie aber auch, weil wir ruhiger und mit weniger Druck fotografieren. Und in den 10 %, in denen es beim Safe Shot bleibt? In denen hast du immerhin dein „Beweisfoto“, das so viel besser ist als gar keines!
Wenn du ohne Safe Shot fotografierst, besteht immer die Gefahr, dass du die Situation komplett verpasst oder sie sich gar nicht so entwickelt, wie gedacht. In Zeiten digitaler Kameras müssen wir nicht mehr an Fotos sparen. Machen wir eins mehr!
Beispiel von unseren Fotoreisen:
Das Safe-Shot-Konzept verfolgen wir vor allem in der Tier- und Streetfotografie, also in Situationen, die sich unvorhergesehen schnell ändern können, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Wenn wir beispielsweise in Alaska einem Grizzly oder in Patagonien einem Puma begegnen, kann es immer sein, dass dieser in der nächsten Sekunde abdreht und die ganze Situation sofort vorbei ist – und kein Foto mehr möglich. Wir machen daher immer erstmal ein Foto „irgendwie“ – den Safe Shot. Wenn dieses Foto festgehalten ist, gehen wir näher ran oder suchen eine bessere Perspektive, warten auf einen besseren Hintergrund oder einen spektakuläreren Moment oder feilen an unseren Kameraeinstellungen.
Der Safe Shot ist kein Notnagel, sondern der Startpunkt. Nicht das Ende, sondern der Anfang der richtig guten Aufnahmen.


4. Eine Situation entwickelt sich wie eine Glockenkurve – fotografiere durch!
Dies ist ein Prinzip, das ich auf jeder Fotoreise wiederhole: Eine Situation – egal ob ein Sonnenaufgang, eine Szene in der Streetfotografie, eine Tierinteraktion oder alles andere – entwickelt sich Schritt für Schritt, ist irgendwann auf ihrem Höhepunkt und klingt dann nach und nach ab.
Das Problem: Wir sind keine Hellseher und wissen nicht, wie sich die Situation entwickeln wird, wissen nicht, wann der Höhepunkt der Situation sein wird. Fotografisch bedeutet das für uns, die Situation durchzufotografieren: Während sie sich entwickelt, während sie auf ihrem Höhepunkt ist und während sie wieder abklingt, bis sie vorbei ist. Wenn wir auf dem scheinbaren Höhepunkt schon zu fotografieren aufhören, uns unsere Fotos in der Rückschau ansehen oder schon nach dem nächsten Motiv schauen, verpassen wir oft den tatsächlich besten Moment – denn oft genug geht es noch weiter, der echte Höhepunkt kommt erst noch.
Fotografiere. Dann, wenn sich eine Situation entwickelt. Dann, wenn sie richtig gut ist. Und auch dann noch weiter, für den Fall, dass sie noch besser wird. Höre erst auf, wenn die Situation komplett vorbei ist. Erst im Nachhinein wirst du wissen, wann der Höhepunkt der Szene war und kannst das eine Foto aussuchen, das genau dann entstanden ist. Alle anderen kannst du löschen.
Fotoreise-Beispiel:
Auf unseren Fotoreisen erzählen wir zur Illustration dieses Prinzips gerne die Geschichte einer Krokodil-Begegnung, die wir auf einer Fotoreise in Panama hatten: Zusammen mit den Teilnehmern fotografierten wir ein seltenes Spitzkrokodil, das langsam ans Ufer in unsere Richtung geschwommen kam. Die Hoffnung war, dass es kurz aus dem Wasser kommt, damit wir wirklich das Krokodil sehen können, nicht nur seine aus dem Wasser schauenden Augen. Wir hielten dies für den möglichen Höhepunkt dieser Begegnung. Tatsächlich kam das Krokodil aus dem Wasser, wir ergatterten gute Fotos. Jetzt aufzuhören, wäre aber ein echter Fehler gewesen. Denn was wir nicht gesehen hatten: Das Krokodil war ans Ufer gekommen, um eine dort herumlaufende große Krabbe zu fressen. Es schnappte die Krabbe und zog sich wieder zum Wasser zurück. Aber auch dies war noch nicht der Höhepunkt: Plötzlich drehte sich das Krokodil nochmal, warf die Krabbe in die Luft und knackte sie dann mit seinem mächtigen Maul unmittelbar vor unseren Augen. Erst dann drehte es sich tatsächlich und tauchte wieder ins Wasser ab.

5. Lass weg, was immer du weglassen kannst
Ein Geheimnis richtig guter Fotos ist nicht nur: Es ist ein wirklich schönes Motiv drauf. Sondern auch: Alles andere ist NICHT drauf.
Wichtig in der Fotografie ist nicht nur, was auf deinem Foto sein soll, sondern auch, was alles nicht drauf sein soll. Unser Tipp ist: Lass auf deinem Foto alles weg, was du weglassen kannst. Lass alles raus, was dein Motiv nicht absolut unterstützt.
Reduktion bedeutet nicht, dass du Minimalismus fotografieren musst. Es heißt nur, dass du jede Entscheidung bewusst triffst: Brauche ich diesen Baum rechts im Bild wirklich? Hilft der helle Stein links unten der Bildaussage? Tut der dunkle Fleck am Rand irgendetwas für mein Motiv? Wenn nicht – weg damit. Ein Schritt zur Seite, eine andere Brennweite, ein anderer Standpunkt oder ein minimal anderer Bildausschnitt reichen oft schon. Wenn Menschen in der Szene sind, die dein Foto nicht eindeutig bereichern, solltest du warten, bis sie weitergegangen sind. Ja, das dauert länger. Aber dein Foto profitiert enorm davon!
Die meisten störenden Elemente sind winzig, aber sie ziehen enorm viel Aufmerksamkeit auf sich. Ein heller Punkt, ein unruhiger Ast, ein unmotivierter Fleck, eine Linie, die aus dem Motiv „herauswächst“: genau hier zeigt sich, ob du bewusst komponierst und reduzierst oder nur abdrückst. Mit jedem Element, das du weglässt, wird das übrig gebliebene stärker.
Fotoreisen-Beispiel:
In den lebendigen Straßen von Panama City fällt sofort die Farbenpracht und Unruhe ins Auge: bunte Häuser, spielende Kinder, hupende Autos und Menschen in Bewegung. Dazwischen Straßenlaternen, Mülleimer, Bäume, Schilder. Wer versucht, alles einzufangen, bekommt schnell ein chaotisches Bild, in dem das Auge nirgendwo Halt findet.
Teilnehmer, die bewusst reduzieren, konzentrieren sich auf eine einzelne Szene: vielleicht ein Kind, das über die Straße läuft, ein Spiel aus Licht und Schatten an einer Hauswand oder eine Frau, die Gemüse auf dem Markt verkauft. Alles andere – Passanten im Hintergrund, herumstehende Müllcontainer oder ein vorbeifahrende Autos – werden aus dem Bildausschnitt gelassen oder durch Perspektivwahl bewusst ausgeblendet. Das Ergebnis ist ein fokussiertes, lebendiges Streetfoto, bei dem die Geschichte im Vordergrund steht, ohne von unwichtigen Details abgelenkt zu werden.


6. Fotografiere nicht „die Landschaft“, sondern etwas IN der Landschaft
Dieser Satz ist maßgeblich, wenn wir auf unseren Fotoreisen Landschaften fotografieren und er findet sich auch in unseren Büchern: Hör auf, „die Landschaft“ zu fotografieren und fotografiere ab jetzt etwas IN der Landschaft. Damit deine Landschaftsfotos nicht flach und langweilig werden, brauchen sie unbedingt ein Hauptmotiv.
Die Suche nach dem Hauptmotiv sollte dein erster Schritt sein, wenn du ein eindrucksvolles Landschaftsfoto machen möchtest. Das Hauptmotiv kann ein Berg sein, ein Weg, eine markante Baumreihe, ein ikonischer Felsen, ein Boot, ein Haus, sogar eine Person in der Landschaft oder gar besonderes Licht. Erst das Hauptmotiv ermöglicht es dir, den Rest deines Fotos bewusst um dieses Motiv aufzubauen und dein Landschaftsfoto bewusst zu gestalten. Ganz ausführlich erklären wir dieses Prinzip in diesem Artikel: Landschaftsfotografie: Profi-Tipps für das perfekte Foto
Fotoreisen-Beispiel
Auf den Fotoreisen mit Fokus Landschaftsfotografie, etwa Patagonien oder Schottland, „scouten“ wir wann möglich die Landschaftsspots, die wir am Morgen fotografieren werden, am Tag vorher mit den Teilnehmern. Hier geht es nicht darum, schon gute Fotos zu machen, sondern den Spot kennenzulernen, ein Hauptmotiv zu finden und den idealen Standort und Perspektive für dieses Foto zu finden. So kann am nächsten Morgen im Dunklen jeder gezielt zu seinem Lieblingsstandort gehen, Stativ und Kamera aufbauen und sich nur noch mit Licht und Einstellungen auseinandersetzen.

7. Wenn deine Menschenfotos schwach sind, bist du nicht nah genug dran
Dies ist der wichtigste Tipp in der Reportage- und Streetfotografie: Geh näher ran. Szenen aus dem alltäglichen Leben wirken am stärksten, wenn sie wie „mittendrin“ aufgenommen wirken – direkt aus der Situation, direkt aus dem Leben – nicht von einem externen Beobachter.
Das Nah-herangehen an Menschen, insbesondere an fremde Menschen, kostet den meisten von uns zuerst massive Überwindung. Aber genau dieser Schritt lohnt sich. Nähe schafft Intimität, Gefühl und Wirkung, besonders in der Reportage- und Streetfotografie. Du musst dabei nicht aufdringlich sein: Ein Lächeln, ein Nicken oder ein kurzer Blickkontakt öffnet Türen. Wichtig zu wissen: In fast allen anderen Kulturen stehen die Menschen dem Fotografiert-werden deutlich offener gegenüber als in den deutschsprachigen Ländern, in vielen freuen sie sich sogar sehr darüber.
Geduld ist entscheidend: Bleib kurz stehen, beobachte die Szene und warte, bis sich der Moment entfaltet. Schon ein halber Schritt näher als bequem kann dein Foto stark verändern, weil Details wie Gesten, Mimik oder kleine Interaktionen sichtbar werden.
Auf unseren Fotoreisen sehen wir immer wieder, wie Teilnehmer, die anfangs zurückhaltend waren, nach dem ersten bewussten Nähergehen plötzlich viel stärkere, eindringlichere Bilder aufnehmen. Der Schlüssel liegt in Mut, Beobachtung und bewusster Annäherung – und in der Ruhe, den Moment einfach geschehen zu lassen, als wäre man selbst gar nicht da.



8. ISO ist dein Freund, nicht dein Feind
Viele Teilnehmer unserer Fotoreisen – oft besonders diejenigen, die schon seit Jahrzehnten fotografieren – haben Angst, einen hohen ISO-Wert zu nutzen. Dies war damals durchaus begründet, denn die Technik war noch eine ganz andere als heute und ein ISO-Wert von 800 oder 1000 sorgte je nach Kamera bereits für ein starkes Bildrauschen. Und natürlich gilt auch heute weiterhin, dass der ISO-Wert nur so hoch gesetzt werden sollte, wie nötig.
Aber: Die Technik hat sich in den letzten Jahrzehnten und Jahren extrem weiterentwickelt. Bei fast allen modernen Kameras kannst du ISO-Werte in den Tausendern jetzt völlig problemlos verwenden. Wir selbst fotografieren ohne zu zucken bis ISO 12800, dabei ist Canon auf diesem Gebiet nicht mal besonders stark. Auch die sich in den letzten Monaten stark entwickelte KI-gestützte Rauschreduzierung, die jetzt auch in Lightroom integriert ist, trägt dazu bei, dass hohe ISO-Werte mehr und mehr vernachlässigbar sind.
Fakt ist, dass es in einigen Situationen nur hohe ISO-Werte sind, die uns scharfe Fotos ermöglichen – etwa in der Tierfotografie im Dschungel oder bei trüben Wetter. Setze den ISO natürlich nur so hoch wie nötig – aber wenn es nötig ist, nutze die heutigen technischen Möglichkeiten. Dafür sind sie da!
Fotoreisen-Beispiel
Die Tierfotografie in Dschungeln gehört zu den technisch schwierigsten Disziplinen überhaupt. Im Dschungel Panamas fotografieren wir Tiere wie Affen, Tukane, Nasenbären – nur ein hoher ISO-Wert ermöglicht uns in der Dunkelheit des dichten Regenwaldes scharfe Fotos von Tieren in Bewegung.

9. Komposition passiert in Millimetern
Bei der Komposition eines Fotos entscheidet oft Millimeter-Arbeit darüber, ob der Bildaufbau gelungen ist oder nicht. In der Architekturfotografie sieht man es besonders deutlich: Ein Schritt zur Seite, ein paar Millimeter höher oder tiefer – und plötzlich stimmt es. Du stehst genau zentral, alles Linien laufen plötzlich symmetrisch. das Bild wirkt ruhig und stimmig. Nur einen Hauch weiter zur Seite stürzt es in sich zusammen, das Bild wird krumm und schief. Diese feinen Anpassungen entscheiden darüber, ob ein Foto „okay“ ist oder ob es sofort überzeugt.
Auch in der Landschaftsfotografie stimmt dieses Prinzip. Wenn wir raten „schwenke mal etwas weiter nacht rechts“ meinen wir in der Regel keinen halben Meter, sondern wirklich nur wenige Millimeter. Wenn dein Spot erstmal gefunden ist, braucht es keine großen Bewegungen, sondern nur minimale Veränderungen im Standpunkt, um ein störendes Element zu entfernen, eine Führungslinie zu betonen oder mehr Tiefe ins Bild zu bringen. Komposition entsteht durch Millimeterarbeit – durch bewusstes, kleines Nachjustieren, bis alles im Bild seinen Platz gefunden hat.

10. Verbünde dich mit dem Wetter
Wir Fotografen wünschen uns perfektes Wetter: nicht unbedingt blauen Himmel, aber genau die richtige Menge an Wolken am richtigen Ort, niedrigstehende Sonne, klare Sicht. Dieses „perfekte“ Wetter führt zu wunderbaren Fotos – aber es sind auch Fotos, die man schon oft gesehen hat – Klassiker eben. Wirklich besondere Fotos entstehen, wenn du dich mit dem Wetter verbündest – auch, und gerade dann, wenn es ungemütlich, dramatisch oder unberechenbar wird.
Auf unseren Fotoreisen sagen wir oft: „Wetter ist kein Hindernis. Wetter ist ein Geschenk.“ Denn Licht, Atmosphäre, Stimmung und Struktur entstehen erst durch Veränderung. Manchmal durch strahlend blauen Himmel und direkte Sonne, die eigentlich keiner will, manchmal durch dunkle Wolken, Regen, Nebel, manchmal durch ein Unwetter oder ein Gewitter, das alles auf den Kopf stellt. Und bei dem wir am besten nicht im Hotel bleiben.
Schlechtes Wetter macht deine Fotos nicht schlechter – es macht sie einzigartig. Wenn du draußen bist, lass dich auf das ein, was passiert. Beobachte. Reagiere. Und sieh das Potenzial, das andere übersehen. Nicht selten sind es genau diese Bedingungen, die deine stärksten Bilder hervorbringen.
Fotoreisen-Beispiel
Auf unserer Fotoreise durch den Südwesten der USA letzten Monat fuhren wir früh morgens in den abgelegenen Canyonlands-Nationalpark, um die aufgehende Sonne hinter dem Mesa Arch zu fotografieren – ein klassisches und wunderschönes Motiv. Ein heftiges Gewitter machte uns aber einen Strich durch die Rechnung. Der Himmel war von dunklen Wolken verdeckt und Blitze zogen über den Himmel. Gemeinsam mit einigen hartgesottenen Teilnehmern beschlossen wir trotzdem durch den Regen zur Abbruchkante zu gehen und zu schauen, welche Möglichkeiten sich auftun würden.
Die uns eigentlich vertraute Landschaft wirkte surreal im Gewitter-Licht, die Wolken türmten sich auf und immer wieder zogen Blitze über den Himmel. Das Foto, das wir im Kopf hatten, konnten wir nicht machen, dafür dramatische, ungewöhnliche, andere Fotos, die wir so von hier nicht nie gesehen hatten und die für uns zu den besten der Reise zählen. Wir können das Wetter nicht ändern – arbeiten wir mit ihm zusammen!

11. Um Fotos zu bekommen, die sonst keiner hat, musst du machen, was sonst keiner macht
Dieser Satz richtet sich vor allem an die fortgeschritteneren Fotografen auf unseren Reisen. Du willst Fotos, die sich von allen anderen abheben? Dann kannst du dich nicht in eine Reihe mit allen anderen stellen und nachfotografieren, was du schon hundert Mal gesehen hast. Du musst machen, was sonst keiner macht!
Das bedeutet oft, einen Schritt mehr zu investieren, als bequem wäre. Vielleicht bleibst du im Regen stehen, während andere schon ins Trockene flüchten. Vielleicht wartest du zehn Minuten länger, obwohl der Moment scheinbar vorbei ist. Vielleicht läufst du den Hang noch einmal hinauf, weil du weißt, dass sich der Blick von dort oben völlig anders anfühlt. Genau diese Entscheidungen bringen dich weg vom Durchschnitt und hin zu Bildern, die wirklich überraschen.
Es geht dabei nicht um Extremismus oder darum, sich für ein Foto zu überfordern. Es geht darum, bewusst anders zu handeln als all jene, die zufrieden sind, sobald sie das „klassische Bild“ haben. Die meisten Fotografen laufen dieselben Wege, bleiben an denselben Stellen stehen und gehen zur selben Zeit wieder zurück. Wenn du etwas anderes willst, musst du dich von diesem „Strom“ lösen.
Auf unseren Fotoreisen sehen wir genau das immer wieder: Die stärksten Fotos entstehen oft dann, wenn jemand noch einmal zwei Meter weitergeht, einen völlig anderen Blickwinkel ausprobiert oder zu einer Zeit am Spot steht, an der sonst niemand dort ist. Es ist dieser kleine Extraschritt – körperlich oder kreativ –, der den Unterschied macht.

12. Du brauchst nicht 100 tolle Fotos einer Szene – nur ein einziges richtig Gutes
Fotos anderer Fotografen anzusehen, bringt ein großes Problem mit sich: Man sieht immer nur eine Top-Auswahl – die besten 1 % der Fotos, die wirklich gelungenen Shots, in der Regel bereits fertig bearbeitet. Nun nimmt man an, alle Fotos anderer sähen so aus, das ist aber ein Fehlschluss, der viel unbegründete Selbstzweifel mit sich bring. Von sich selbst sieht man alle Fotos. Nicht die besten 1 %, sondern die gesamten 100 %. Die unscharfen, die schiefen, die dunklen, die misslungenen, die nicht ganz passenden Momente, all die Löschkandidaten – und allesamt roh und unbearbeitet. Vergleiche nicht diese Fotos mit der 1%-Best-Of-Auswahl anderer Fotografen, das ist nicht fair.
Das Ziel der Fotografie ist nicht, dass all deine Fotos hervorragend werden. Das Ziel ist nicht, 100 fantastische Fotos am Tag oder gar von einer Szene zu machen – niemand tut das. Das Ziel ist, ein wirklich gutes Foto einer Szene oder eines Tages zu machen – und dieses dann auch zu identifizieren, zu bearbeiten und zu präsentieren. Darum geht es. Nicht um die 100%, sondern um die 1%.
Beispiel von unseren Fotoreisen
Auf unseren Fotoreisen verfolgen wir das Ziel, dass jeder von jeder Tour, jedem Ausflug, jedem Spot ein großartiges Foto mit nach Hause bringt. Ein Foto, das ihn selbst begeistert und von dem er sagt „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich so ein Foto machen würde. Mit diesem bin ich wirklich zufrieden.“ Ein gutes Foto pro Tour bedeutet auf unseren Reisen meist 2-3 gute Fotos am Tag, bei einer zweiwöchigen Fotoreise etwa 35 tolle Fotos. 30 davon präsentieren wir (jeder, der möchte) in der Regel anschließend untereinander. 30-35 tolle Fotos einer Reise sind eine wahnsinns Ausbeute – und genau um das Erreichen dieser Best Of Shots, die am Ende auch an der Wand oder im Fotobuch landen, geht es.
Du brauchst nicht unzählige gute Fotos – nur ein paar, die dich wirklich umhauen, die du dir sofort an die Wand hängen willst. Die anderen sind der Weg dorthin.

Was sich verändert
All diese Grundsätze haben eines gemeinsam: Sie bringen dich näher an das heran, was Fotografie eigentlich ist – eine bewusste Art, die Welt wahrzunehmen. Sie fordern dich heraus, anders zu denken, mutiger zu sein, genauer hinzuschauen. Sie erinnern dich daran, dass außergewöhnliche Fotos selten zufällig entstehen, sondern durch Neugier, Ausdauer und echte Präsenz.
Ob du näher an eine Szene herangehst, dein Foto auf das Wesentliche reduzierst, das scheinbar schlechte Wetter nutzt oder millimetergenau an deiner Komposition feilst – jeder dieser Schritte bringt dich tiefer in die Fotografie hinein und weiter weg von den Bildern, die alle anderen machen. Am Ende zählt nicht, wie teuer deine Kamera ist. Entscheidend ist, wie sehr du bereit bist, dich einzulassen: auf den Moment, auf die Menschen, auf das Licht. Und je bewusster du das tust, desto mehr wirst du Bilder schaffen, die bleiben.

Wenn du schon einmal mit uns unterwegs warst, hast du vielleicht an der ein oder anderen Stelle geschmunzelt, weil du genau diese Sätze schon von uns gehört hast. Du weißt, wie viel Ruhe, Zeit und bewusste Gestaltung es braucht, um wirklich gute Fotos entstehen zu lassen und wie scheinbare Kleinigkeiten ein Foto verändern können.
Im nächsten und übernächsten Jahr gibt es wieder einige spannende Fotoreisen mit uns für alle, die besondere Fotos machen wollen – von Helgoland bis Alaska, von Schottland bis zum Amazonas. Wenn du Lust hast, diese Prinzipien einmal gemeinsam in der Praxis und an ganz besonderen Orten umzusetzen und noch viel mehr zu lernen, schau mal rein:
⇨ Erlebnisfotoreisen – Übersicht über die Ziele
Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann draußen in der Landschaft!
Aber auch, wenn du allein fotografierst: Wir wünschen dir, dass dich diese Grundsätze beim nächsten Fotomotiv begleiten und dich an den Punkt bringen, an dem alles zusammenfällt: Licht, Gefühl, Komposition, Timing. Die Fotografie belohnt die, die genauer hinsehen. Geh raus, schau hin, nimm dir Zeit – und lass großartige Fotos entstehen!

