Panama: Eine Reise zu uns selbst

Es ist das Brüllen der Brüllaffen, das uns an diesem Morgen weckt. Die tiefstehende Sonne scheint durch unser Fenster. Auf der Terrasse fliegen bunte tropische Vögel umher, Kolibris, manchmal Papageien. 23°C. Es ist Januar und wir sind im Paradies: in einer Dschungellodge tief im Nebelwald Panamas. So weit albgeschieden von der Zivilisation, wie man nur sein kann.

Panama Mount Totumas
Eine Zeit verbringen wir in der Mount Totumas Cloud Forest Lodge, weit abgelegen in den Bergen Panamas, umgeben von purer Natur

Unser Morgenkaffee ist hausgemacht, was hier bedeutet: selbst angepflanzt, selbst geerntet, getrocknet, geröstet, gemahlen und gebrüht. Plantagen, wie wir sie uns vorstellen, gibt es hier nicht: Kaffeesträucher wachsen bunt zwischen Bananen und Kokospalmen, zwischen Cashewbäumen und Ananas und Zuckerrohr und Melonen. Tukane sitzen in den Bäumen – ihr Ruf klingt froschartig. Kühe und Pferde grasen auf den riesigen Weiden, Hühner laufen überall herum. In Panama ist man Selbstversorger, das Land ist fruchtbar und durch den ewigen Sommer wächst alles von alleine. Vorratshaltung, Planung? Kennt man nicht. Hier wird sogar das Eis selbst gemacht und die Energie selbst gewonnen – aus einem selbstgebauten Wasserkraftwerk oben am Fluss, nicht aus einem Generator. Heißes Wasser? Natürlich. Internet? Klar! Der Nachbar hat einen Funkmast gebaut.

Fotografieren Panama
Abende, die wir nie vergessen werden, tief in den Dschungeln Panamas

Heute wandern wir durch den La Amistad Nationalpark. Hier leben indigene Völker noch weitgehend traditionell – und zu sagen, dass der Park wenig besucht ist, ist untertrieben – er ist kaum erforscht und gleicht einem riesigen weißen Fleck auf der Landkarte. Unser Guide erzählt uns von einer bisher unbekannten Vogelart, die seine Kollegen neulich hier entdeckt haben – schon wieder eine. Wir sind in einer völlig fremden Welt, so unbekannt und neu, dass uns kaum eine Pflanze, kaum ein Insekt hier vertraut vorkommt. Die Motten sind größer als unsere Hände. Faultiere hängen im den Bäumen, wir begegnen einem Tapir, laufen über Pumaspuren. Es ist die absolute, echte Wildnis hier in La Amistad – dabei waren wir noch ein paar Tage zuvor in der pulsierenden Wolkenkratzer-Metropole Panama Citys, die vielleicht modernste Stadt Lateinamerikas.

Panama City Ausblick
Panama City wächst als riesige, super moderne und spannende Metropole mitten aus dem Dschungel

Panama ist überwältigende Vielfalt. Es ist die pure Naturschönheit der karibischen Inseln und der unberührte Urwald, der zu den artenreichsten unserer Erde gehört. Panama ist aber auch das gigantische Bauwerk des größten Kanals der Welt, es ist es ist eine reiche Bankenmetropole. Es ist die noch ganz ursprünglich lebenden indigenen Völker, fantastische Bergwelten, endlose einsame Strände. Es ist Fußball und Latinomusik, ein Land zwischen Tradition und Moderne, zwischen wilder Natur und kultureller Entwicklung. Nie haben wir so verschiedene Facetten unserer Welt so dicht nebeneinander erlebt – und nie so unproblematisch harmonierend.

Panam Reise
So modern, aber so traditionell, so entwickelt und gleichzeitig so ursprünglich: Die Kontraste Panamas überwältigen uns jeden Tag aufs Neue

In Panama läuft die Zeit anders, hatten sie uns vorher gesagt, und während wir am Pool in unserer Hängematte liegen, einen Mojito in der Hand und den leisen Rhythmen der Latinomusik lauschend, die immer irgendjemand irgendwo spielt, haben wir das Gefühl, so etwas wie Zeit gäbe es hier gar nicht. „In Deutschland ist heute Montag“, sagt Jan, und erst viel später fällt uns auf, wie bezeichnend dieser Satz für unsere Zeit in Panama ist. Wir waren zum Arbeiten nach Panama gekommen, arbeiten auch, fotografieren fast jeden Tag, für Hotels, für Reiseveranstalter. Für einen Reiseführer, den wir schreiben werden, weil es gar keine aktuellen Reiseführer gibt. Wir stehen um 4 Uhr auf, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen, wir filmen, fotografieren, recherchieren, schreiben. Und trotzdem sind wir so entspannt wie noch nie in unserem Leben.

Wir finden Informationen nicht, weil es keine gibt, auf Englisch nicht und auf Spanisch nicht. Stattdessen finden wir Freunde, wenn wir nach dem Weg fragen oder ein Hotel suchen. Fahrt bei uns mit, kommt uns besuchen, wohnt doch bei uns, warum nicht. Unheimlich? Nicht ein Mal. Es läuft alles von alleine hier in Panama. Ungewohnt zunächst, für uns Deutsche, die wir doch alles planen und organisieren müssen, und optimieren und maximieren und vor allem immer ganz genau wissen.

Zuerst stresst es uns, dass alles immer so lange dauert und so unoptimiert und unvorhersehbar ist. Wir verstehen nicht, dass es heute keine Zwiebeln zu kaufen gibt und keine Tomaten und nirgendwo Äpfel. Und dass das niemanden interessiert! Dafür gibt es überall Ananas, 25 Cent, sie werden an der Straße von der Ladefläche der Pickup-Trucks verkauft. Bananen morgen wieder, Zwiebeln dann vielleicht auch, es gibt immer das, was die Bauern morgens ernten. Und nichts, wenn sie nichts ernten. Ob es denn nicht vielleicht etwas unentwickelt ist hier, fragen wir uns, und was eigentlich mit der medizinischen Versorgung ist, in so einem Land, und warum sie die Vorgänge an den Tankstellen nicht optimieren, so wie in Deutschland, da geht es drei Mal so schnell.

Panama Reise
Nach ein paar Wochen wird das Warten für uns zur Entspannung. Zur Zeit für uns selbst. Wir ruhen uns uns ist sind plötzlich selbst nicht mehr hektisch.

Erst nach einigen Wochen verstehen wir es langsam: Zeit ist hier in Panama keine Währung. Es interessiert niemanden, wie lange etwas dauert. Es scheint egal zu sein, wodu deine Lebenszeit verbringst, ob in der Schlange im Supermarkt, im Stau oder in der Hängematte. Hauptsache, du verbringst die Zeit glücklich. Und als es uns selbst auch immer weniger interessiert, schnell zu sein und optimiert zu sein, verstehen wir die Mentalität plötzlich.

Nach einigen Wochen  finden wir es selbst auf einmal auch nicht mehr wichtig, fünf Minuten im Stau zu sparen oder zwei Minuten an der Tankstelle. Wir verstehen, dass die Zeit im Stau oder die an der Supermarktkasse genau so wertvolle Lebenszeit ist wie die am Pool und hören mit unserer deutschen Mentalität auf, mit Zeit zu „handeln“, indem wir dort voller Stress ein paar Minuten einsparen, um dort dann ein paar mehr zu haben. Stattdessen ruhen wir in uns, leben plötzlich jede Minute, egal wo. Die für uns wichtigste Lehre unserer Zeit in Panama? Vergiss das Konstrukt der Zeit und die Wichtigkeit, die unsere mitteleuropäische Kultur ihr zumisst. Du lebst nichtfür irgendetwas. Du lebst einfach. Jetzt.

Panama Reise
Ist nicht eine Hängematte am Strand vielleicht das größte Glück der Welt?

Wir hatten vor, in Panama eine fremde Welt zu sehen. Dass wir aber so Teil von ihr werden würden, hatten wir nicht gedacht. Plötzlich war das so unoptimierte Panama unser Leben. Wir fanden Freunde beim Autowaschen und Entspannung beim Warten. Scherzten mit Polizisten und ließen uns von Einheimischen  in Armenvierteln ihr Leben zeigen. Wir entdeckten Tierarten, von deren Existenz wir nicht mal ahnten, das verrückte Nachtleben Lateinamerikas und wie lecker frischer Fisch direkt vom Boot schmeckt. Weihnachten tranken wir mit unseren Nachbarn Sangria am Pool statt Feuerzangenbowle, liefen am Strand entlang statt durch Deutschlands graue Straßen. Wir entdeckten, wie bunt und herzerfüllend das Leben sein kann und entlarvten die herablassende Idee, „weniger Entwicklung“ sei etwas Negatives, jeden Tag aufs Neue als Irrglauben.

Einkaufen Panama
Essen kaufen in Panama. Nicht auf Labels achten zu müssen, weil sowieso alles direkt vom Bauern kommt und alle Tiere auf Wiesen leben, war unbeschreiblich befreiend

Wir gingen zum Arzt und erfuhren medizinische Versorgung und Betreuung, von der wir im „entwickelten Deutschland“ nur träumen können (die medizinische Versorgung ist auf dem Niveau der USA, allerdings günstig und die Bürger krankenversichert) . Es rührte uns, wie liebevoll jeder Straßenhund versorgt wird und dass etwa Massentierhaltung hier ein Fremdwort ist und „bio“ sowieso alles („Wieso Pestizide, das wächst doch auch so.“). Wir lernten ein Dutzend alte Leute kennen, die mit 70 oder 80 Jahren noch nicht an den Tod dachten, sondern ihr Leben nochmal komplett neu anfingen („Ich habe jetzt Lust auf eine Kaffeefarm, deswegen kaufe ich eine und lerne ich alles darüber“), weil sie ein anderes Verständnis von Zeit haben, und das tun, wozu sie heute Lust haben, und nicht, was in zehn Jahren vielleicht, vielleicht auch nicht, relevant sein könnte. Wir lernten, dass „morgen“ gar nicht wichtig ist, sondern dass es um heute geht. Immer nur um heute.

Wir lernten mit Mitgliedern indigener Völker Deutsch und sprachen über Bayern München, erzählten vom mystischen, exotischen Deutschland, wurden festgenommen und freigelassen, stellen Schokolade her und fuhren auf dem Panamakanal in den Sonnenaufgang. 3 Monate in Panama waren wie 3 Jahre, in denen wir so viel über uns selbst und das Leben lernten wie nie zuvor.
Ob es sich gelohnt hat, dem deutschen Winter zu entfliehen, wurden wir von zuhause gefragt, und dass es ja bestimmt schön warm sei in Panama. Es spielte für uns kaum noch eine Rolle, das Wetter, der deutsche Winter. Stattdessen war es die neue Art zu leben, die uns gefangen nahm. Die andere Kultur, die plötzlich wichtig für uns war. Die Erkenntnis, dass das, was wir in Deutschland tun und für normal halten, gar nicht das Maß aller Dinge ist. Die Erkenntnis, wie arrogant wir sind, auf andere Kulturen oder „weniger entwickelte“ Länder herabzuschauen. Andere Länder daran zu messen, wie sehr sie unsere Wertevorstellungen übernommen haben, unsere Planung, unser Träumen vom ewigen „Morgen“.

Panama Wandern
Nicht in der Zukunft zu leben, sondern das Jetzt zu genießen, ist unsere größte Lehre aus unserem Leben in Panama

Immer wieder würden wir „dem deutschen Winter entfliehen“ und irgendwo in den Tropen am Pool liegen, einen Mojito in der Hand – oder in der Schlange im Supermarkt stehen und dabei einfach glücklich sein. Aber viel wichtiger, viel prägender, und so wohl wirklich nur in einem langen Auslandsaufenthalt in einer anderen Kultur möglich, ist die Veränderung unseres Denkens. Das intensive Kennenlernen einer anderen Lebensart, nicht in einem Resort unter anderen Europäern, sondern in einem panamaischen Dorf. Unsere Reise nach Panama war eine Reise in eine andere Welt. Sie war aber auch eine Reise zu uns selbst. Zu unseren Glaubenssätzen und Einstellungen.

Panama Essen

Als wir nach drei Monaten zurück nach Deutschland kamen, hatten wir uns verändert. Natürlich waren wir erholter – wir waren aber auch glücklicher. In uns selbst ruhender, entspannter und auch toleranter. Offener. Neugieriger. Plötzlich so viel reifer, aber auch so viel jünger. Ob wir nächsten Winter wieder im Ausland verbringen werden? Vielleicht. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass wir heute glücklicher sind. Dass wir heute leben und nicht im nächsten Monat oder in fünf Jahren.
Der große Gewinn, der uns aus Panama bleibt, ist nicht die Bräune unserer Haut. Es ist der neue Reichtum unseres Denkens. Und die Gewissheit, dass wir nicht als die zurückkamen, als die wir im Herbst Deutschland verlassen hatten.Panama StrandDieser Artikel über unser Leben in Panama ist Teil der Blogparade „Leben im Ausland“ von Imprint My Travel. Warum wir uns bei unserer Langzeitreise für Panama entschieden haben, erfährst du hier: Wir überwintern im Ausland! Aber warum in Panama?

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Autor

Ich bin Sina, Mitbegründerin von Lichter der Welt, Fotografin und leidenschaftliche Weltenbummlerin. Ich liebe Natur, Freiheit, die Sonne auf meinem Gesicht und den Wind in meinen Haaren. Schon als Kind saß ich fasziniert vor dem Globus und malte mir aus, die Weite dieser Welt zu entdecken. Heute lebe ich diesen Traum und sammle Tipps, Inspirationen und Erfahrungen für dich!

12 Kommentare

    • Sina Antworten

      Liebe Inka,
      herzlichen Dank! Es war wirklich eine ganz besondere Erfahrung für uns und so viel mehr als „ein Winter in der Sonne“.

      Liebe Grüße
      Sina

  1. Sehr berührend geschrieben, hat mir die Tränen in die Augen getrieben.
    Ich wünschte, ich könnte auch solche Erfahrungen machen – leider ist es nicht mit meinem Beruf vereinbar, für mehrere Wochen oder gar Monate wegzugehen. Ohne das komplette Leben umzukrempeln, bleibt einem so nur, durch die Erfahrung anderer zu derselben Erkenntnis zu kommen – was natürlich nicht annähernd dasselbe ist, aber immerhin besser, als gar nichts 😉
    Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße, Eva

    • Sina Antworten

      Liebe Eva,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ja, mit einem normalen Job ist so eine lange Auszeit bzw. ein Arbeiten im Ausland fast nie möglich. Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir diese Möglichkeit nutzen können.
      Umso schöner, dass wir dich ein bisschen „mitnehmen“ konnten nach Panama und zu dem, was es in uns verändert hat.

      Liebe Grüße
      Sina

  2. Oh, wie schön ist Panama!
    Das hast Du mit Deinem Beitrag sehr eindrucksvoll vermittelt, liebe Sina. Deine bildhaften Beschreibungen machen Lust, selbst dieses Land zu bereisen. Möglichst schon morgen. 🙂
    Herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Beitrag.

    Liebe Grüße
    Mandy

      • Hallo Sina,
        dankeschön für Deine Antwort. Euer Angebot für die Fotoreise ist absolut verlockend, Lust habe ich schon. Nur ist der Januar aktuell für uns kein Reisemonat, da wir beruflich am Jahresanfang nicht wegkönnen.
        Wir wünschen Euch für die Reise viel Spaß, tolle Eindrücke und sagenhafte Fotomomente.
        Liebe Grüße
        Mandy

  3. oh wie schön ist Panama ! Danke für diesen tollen Artikel. Ich war dieses Jahr das 1. Mal in Mittelamerika und habe mich auch schockverliebt in diese unglaubliche Natur . Nächstes Jahr möchte ich für längere Zeit dort reisen. Panama steht auf jeden Fall auch mit auf dem Plan.
    Liebe Grüße
    Claudia von Gemüseliebelei

    • Sina Antworten

      Hey Claudia,
      oh wie schön, dass dir Mittelamerika auch so gut gefällt! Panama ist wirklich traumhaft – melde dich bei uns, wenn die Tipps brauchst ❤️

      Liebe Grüße
      Sina

  4. OK, das mit dem festgenommen worden sein interessiert mich jetzt genau. Was habt ihr angestellt? 😉 Wo kann ich das genauer nachlesen? Ins gesamt ein wunderschöner Artikel, der wieder die Sehnsucht nach dem Auswandern weckt. Wäre hier nicht die Familie, die immer älter wird, ich wäre sicher schon weg. Und mit einem „normalen“ Job mal eben drei Monate Auszeit nehmen, ist leider auch nicht mal eben möglich…

    • Sina Antworten

      Haha, das haben wir nirgendwo genauer beschrieben. Wir hatten beim Fahren unseren Reisepass nicht dabei – das ist aber in Panama Pflicht und tatsächlich kann man dafür festgenommen werden und ins Gefängnis kommen. Hat uns vorher natürlich nie jemand gesagt und im Reiseführer stand nur, es sei „empfohlen“. Tja 😀 Es war auch wirklich nichts zu machen, wir durften ihn nicht holen und ID + Führerschein wurde nicht akzeptiert 🙁

      Danke dir! Ja, das Auswander-Gen steckt wohl wirklich in uns…

  5. Liebe Sina, was für ein wunderschöner, berührender Artikel! Das kann ich mir gut vorstellen, dass man sich als „Deutscher“ erst mal an die Art und Weise der Menschen dort gewöhnen muss, aber dann genau dieses „im Jetzt und Heute sein“ lieben lernt! Eure Fotos sind so traumhaft!

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