Wie entstehen unsere Fotos? Wie planen wir sie, wie entsteht die Idee, wie setzen wir sie ganz konkret in der Praxis um – und wie einfach oder schwer ist das? Schau uns über die Schulter und hinter die Kulissen einiger unserer beliebtesten Fotos.

Was steht hinter einem Foto?

Wir sagen, dass sich bewusste Fotografie vom Knipsen im Vorübergehen unterscheidet, geben immer wieder Tipps über das Zeitnehmen und den durchdachten Bildaufbau, über Perspektive und Licht, über Farben und RAW-Entwicklung.

Aber wie entsteht ein Foto in der Praxis? Wie entsteht die Idee, wie setzen wir es um – und was passiert noch mit der Rohdatei, bevor wir das fertige Bild in unseren Händen halten?

In unserer neuen Serie „Hinter den Kulissen“ geben wir dir die Möglichkeit, uns über die Schulter zu schauen. Begleite uns ganz konkret bei der Planung und Entstehung unserer Fotos.

Den Anfang unserer Serie macht ein kalter, nebliger Morgen hoch oben auf dem Flüelapass in den Schweizer Alpen. Ein Morgen, an dem wir eigentlich nur schnell unser Gepäck vom Gasthaus in unser Auto laden wollten und an dem eines unserer Lieblingsfotos der ganzen Reise entstanden ist. Obwohl wir nur wenige Sekunden Zeit dafür hatten.

Foto: Morning Mood
Das fertige Produkt: Unser Foto “Morning Mood”

Unser Roadtrip über 10 Pässe

Es ist der 19. September 2019. Wir sind auf dem Flüelapass mitten in den Schweizer Alpen. Über atemberaubende, kurvige Passstraßen führt uns unser Roadtrip durch die malerische Landschaft Graubündens. Jede Nacht verbringen wir ganz oben – in den Hospizen auf den Pässen. Wir wollen mittendrin sein in der Natur, der Landschaft. Wir wollen die Atmosphäre der Bergwelt und der Passstraßen erleben und fotografieren. Mit jedem Atemzug saugen wir die überwältigende Kulisse in uns auf. Wir machen ausgiebige Fotostops, lange Wanderungen. Eines unserer Lieblingsfotos schießen wir aber tatsächlich fast „im Vorübergehen“ – jedoch keineswegs zufällig. Unter Foto „Morning Mood“ entsteht, weil wir beim Beladen unseres Autos die unglaublich schöne, neblige Morgenstimmung bemerken und sofort reagieren.

Das Wetter

Es ist halb neun Uhr morgens und wir haben eine lange Fahrt vor uns. Nach dem Frühstück verlassen wir das Flüela Hospiz vollgepackt mit unseren Taschen. Draußen stehen wir plötzlich mitten im Morgennebel, der langsam über die Berge aufsteigt.

Unsere wirklich guten Landschaftsfotos entstehen auf drei Arten: Etwa die Hälfte ist geplant, die Spots recherchiert, die Uhrzeit bewusst gewählt. Die andere Hälfte entsteht durch sehr schnelles Reagieren und bewusstes Handeln in Situationen, die sich extrem anbieten. Die dritte Kategorie (deutlich unter 1 %) sind „Luck-Shots“ – sehr glückliche Zufallstreffer in ganz besonderen Momenten. 

„Morning Mood“ gehört zur zweiten Kategorie.

Unsere Kamera befindet sich in ihrer Tasche, das Stativ ist bereits im Auto verstaut. Wir haben nur wenige Sekunden, um uns zu entscheiden: Ignorieren wir die Licht- und Wetterstimmung, genießen sie vielleicht kurz, lassen aber die Kamera in der Tasche? Oder lassen wir sofort alles stehen und liegen, suchen ein gutes Motiv und Perspektive und machen in den nächsten fünf Minuten ein möglichst starkes, stimmungsvolles Foto? Am 19.09.2019 um halb 9 entscheiden wir uns für die zweite Möglichkeit und etwas Stress.

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Blick hinter die Kulissen.
Wenn du so ein Wetter siehst, sei schnell. Es wird in der Regel nur wenige Sekunden bis Minuten dauernd, bis die Stimmung sich wieder vollkommen verändert

Die Location

Besonderes Wetter und besondere Lichtstimmungen halten sich oft nur für Sekunden. Du kannst hier also nicht lange überlegen, ob und wo du ein Foto machen willst, sondern musst sofort reagieren. Als Motiv musst du irgendwas suchen, was du direkt vor Ort hast – und dies dann durch Perspektive und eben die ungewöhnliche Stimmung besonders gestalten.

Direkt Gegenüber unseres Gasthauses hoch oben auf dem Flüelapass befindet sich ein kleiner See, den wir vom Parkplatz aus sehen. Klar ist, dass wir gegen die Sonne fotografieren müssen, damit der Nebel sichtbar ist. Wir rennen also. Der See muss zwischen uns und die Sonne, hinter dem See sollte möglichst noch ein Berg sein, immerhin sind wir hier in den Alpen. Und einen Vordergrund brauchen wir irgendwie auch, um Tiefe in das Foto zu kriegen. Was wird nun unser Motiv? Ich entscheide mich für ein paar unscheinbare Steine am Rand des Sees. Wenn das Foto gut gemacht ist, wird man ihnen nicht mehr ansehen, wie langweilig sie sind.

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Blick hinter die Kulissen.
Diese Steine am Ufer des Sees werden mein Motiv bilden

Der Bildaufbau

Weil wir unvorbereitet sind, haben wir weder Stativ noch wasserdichte Schuhe dabei – es ist daher Morgenakrobatik nötig. Ich klettere auf ufernah liegende Steine, um näher heranzukommen. Weil die Steine, die das Motiv ergeben sollen, absolut langweilig sind, ist eine tiefe Perspektive nötig. Diese wirkt intensiver, bringt Spannung ins Bild und macht die Steine eindrucksvoller und scheinbar größer. Außerdem können die linken Steine nur so einen Vordergrund ergeben, der für die Tiefe im Bild sorgt.

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Blick hinter die Kulissen.

Damit der rechte Stein als einzelner Stein erkennbar ist und sich vom Berg im Hintergrund und dessen Spiegelung abhebt, ist es mir sehr wichtig, dass die Struktur des Steins gerade so vom linken dunklen Bereich des Bildes getrennt ist und hier eine schmale helle Linie verläuft. Dieses Detail fügt dem Bild viel Aufbau hinzu, es ist mir deshalb Verrenkungen, extremes Stillhalten und extreme Konzentration wert. Es entstehen in der Situation mehrere Fotos, wovon bei „Morning Mood“ der Bildaufbau und insbesondere dieses Detail am besten getroffen ist.

Die Making Of-Fotos zeigen, wie unspektakulär unsere Kulisse ist und dass es lediglich Perspektive, Aufbau und das Gegenlicht sind, die dieses Foto ausmachen. „Morning Mood“ ist ein super Beispielbild dafür, wie du aus einem Foto auch ohne interessantes Motiv viel machen kannst, wenn du es überlegt angehst. Du brauchst keine spektakuläre Landschaft, um ein gutes Landschaftsfoto zu machen!

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Blick hinter die Kulissen. Die Location.
In die andere Richtung fotografiert ist die Lichtstimmung eine völlig andere. Der Stand der Sonne ist total entscheidend für fast alle Fotos und wir finden es immer wieder faszinierend, wie extrem diese Wirkung ist.

Die Einstellungen

Geplante Wasser-Landschaftsfotos nehmen wir oft mit Langzeitbelichtungen und Stativ auf. Lang belichtetes Wasser sorgt für eine glatt wirkende Wasseroberfläche, was dem Bild Ruhe gibt. Da wir unvorbereitet sind, nehme ich dieses Foto aus der Hand auf. Ich wünsche mir trotzdem eine glatte Wasseroberfläche und achte deswegen darauf, nicht ins Wasser zu treten, um keine Wellen zu machen.

Wenn wir viele helle Flächen in einem Foto haben (hier der Nebel, oft aber auch einfach der Himmel), schalten wir die Funktion Tonwertpriorität ein. Diese gibt es nur bei Canon und sie ist leider tief im Menü versteckt. Tonwertpriorität sorgt für etwas höheres Bildrauschen, dafür erhält sie mehr Struktur in den hellen Flächen, beugt also einem „Ausfressen“ der Lichter vor und sorgt dafür, dass diese sich in der Nachbearbeitung gut etwas abdunkeln lassen.

Morning Mood als fertiges Bild

Da die angeschaltete Tonwertpriorität keine ISO-Empfindlichkeiten unter 200 erlaubt, wähle ich ich ISO 200 für das Foto. Ich möchte keinen zu starken Unschärfeverlauf, sondern erkennbare Steine, daher ist die Blende auf 8.0 eingestellt.

Das Bild, das ich im Kopf habe, ist eher düster, moody. Ich belichte daher bewusst unter. Als positiven Nebeneffekt wirkt der Nebel so stärker. Die Unterbelichtung und meine Wahl von ISO 200 und Blende 8 ergeben eine Belichtungszeit von 1/3200 Sekunde.

Das Bild entsteht mit meiner Canon EOS 5D Mark III. Aufgeschraubt ist das Canon 16-35mm L 4.0 IS USM, mit dem ich fast alle Landschaftsfotos mache und welches ich auch bewusst für dieses Foto ausgewählt hätte. Das Foto ist mit 16mm aufgenommen – mit dem weitest möglichen Winkel sehr nach an den Steinen, „mittendrin“ in meinem Motiv und direkt über der Wasseroberfläche. So wirken die Steine sehr groß – wie klein sie in echt sind, siehst du auf den Making Ofs.

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Blick hinter die Kulissen. Die Aufnahmesituation.
Eine unscheinbare Szenerie, die nur durch Perspektive und Weitwinkel eine besondere Wirkung entfaltet

Andere Fotos

Neben „Morning Mood“ entstehen in den wenigen Minuten am See noch einige weitere Fotos. Einige sind ähnlich, bei anderen habe ich Gräser oder auch Sina als Person als Hauptmotiv genommen. Zwei weitere Fotos zeigen alternative Möglichkeiten der identischen Situation:

10 Minuten später

In den Tagesrandzeiten ändert sich die Lichtstimmung von Minute zu Minute. Zehn Minuten, nachdem wir zum See gelaufen sind, ist der Nebel aufgestiegen und macht Platz für einen sonnigen Herbsttag. Das Licht, das Wetter ist nun sympathisch und angenehm, toll für die Weiterfahrt. 

Für weitere Fotos aber ist es am 19.09.2019 um 9 Uhr auf dem Flüelapass bereits zu spät.

Die Bearbeitung

Die Bearbeitung von „Morning Mood“ besteht im Wesentlichen aus einem unserer Landschaftspresets und einigen lokalen Anpassungen, um die Steine hervorzuheben.

Der erste Schritt unserer Bildbearbeitung ist immer die Begradigung. (Wenn du dich für das Thema Bildbearbeitung interessierst: In diesem Artikel zeigen wir weitere grundlegende Schritte). Anschließend wählen wir aus unseren eigenen Presets ein passendes aus. In diesem Fall ist es ein Preset, das die düstere Stimmung etwas verstärkt, indem es dem einen matten Look über das Foto legt. Es nimmt den Kontrast aus den Tiefen, schwächt das Weiß, indem es dieses ins Grau zieht und schwächt auch die Mitteltöne etwas. Das Bild wird etwas entsättigt und die einzelnen Farbkanäle angepasst, Grün und Blau etwas verstärkt.

Entstehung unseres Fotos Morning Mood. Vor und nach der Bildbearbeitung.
Links das Out-of-Cam-RAW, rechts die fertige Version des Fotos

Da ich das Foto bewusst dunkel aufgenommen habe, ist keine Anpassung der Belichtung mehr nötig. Ich ziehe lediglich die Lichter etwas runter, damit der Nebel besser zur Geltung kommt und die Tiefen etwas hoch, damit die Steine mehr Struktur erhalten. Sättigung und Klarheit nehme ich etwas raus (Regler auf -10), damit das Foto weicher wirkt, was die Stimmung noch weiter verstärkt.

Der obere Bereich des Himmels wird mit einem Verlaufsfilter abgedunkelt, um die Wirkung der Sonne zu verstärken und den Blick ins Bild zu ziehen.

Wichtig für die Bearbeitung des Fotos sind die lokalen Anpassungen, die ich mit dem Pinsel auf den Steinen vornehme. Damit diese sich erstens abheben und zweitens wärmer wirken, helle ich sie etwas auf und ziehe den Weißabgleich etwas ins Gelbliche. Auch Klarheit und Kontrast werden etwas erhöht. Bei dem rechten vorderen Stein sorgt diese Bearbeitung dazu, dass er sich überhaupt vom hinteren Stein abhebt. Der linke vordere Stein soll wärmer wirken, um den sehr kühlen, blauen Look des Fotos etwas auszugleichen und das Bild sanfter wirken zu lassen. Für den gleichen Zweck mache ich mit einem Radialfilter auch den Bereich um die Sonne etwas wärmer.

Was steht hinter einem Foto? Unser Fazit

Hinter „Morning Mood“ stehen Spontanität, Schnelligkeit und das Wissen, dass du kein tolles Motiv, sondern lediglich gutes Licht und einen guten Aufbau brauchst, um ein gutes Bild zu erschaffen.

Die wesentlichen Punkte, die dieses Foto ausmachen, sind:

  • Wetter
  • Perspektive
  • Weitwinkel/Nah dran sein
  • Bildaufbau

Wie so oft spielt das Equipment bei diesem Foto kaum eine Rolle. Wir hätten das Foto mit jeder Kamera aufnehmen können. Das Weitwinkelobjektiv ist jedoch nötig. Auch die Location ist für das Foto unwichtig, denn sowohl Steine und See sind in der Wirklichkeit unbeeindruckend. Wenn kein See dagewesen wäre? Dann hätten wir ein Bild von dunklen Tannen in einem Wald gemacht, von tristen Hochhäusern im grauen Nebel oder Autolichtern auf der Straße. Nimm, was du kriegen kannst. Aber lerne, Situationen wie diese zu sehen. Und nutze sie!

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Autor

Hi! Ich bin Jan. Fotograf, Reisejunkie und Mitbegründer von Lichter der Welt. Ich liebe ferne Länder genau so wie den Wald vor der Haustür. Jeden Tag neue Dinge zu sehen und zu erleben ist das, was mich am Reisen am meisten reizt. Als Coach und Fototrainer gebe ich regelmäßig mein Wissen an Fotobegeisterte weiter. Auf Lichter der Welt nehme ich dich mit auf unsere Reisen und teile meine Erfahrungen, Tipps und Inspirationen mit dir!

4 Kommentare

  1. Hallo,
    Tolle neue Serie, gerne mehr davon. Ich denke einen wesentlichen Punkt habt ihr oben in eurer Auflistung vergessen: Die Situation überhaupt so zu erkennen. Das unterscheidet euch von uns.
    Viele Grüße
    Rainer

  2. Ein megatoller Beitrag! Ich sauge alle Bearbeitungstipps förmlich auf😊. Soo klasse! Ich wäre z. B.nie auf die Idee gekommen die Klarheit ins -10 zu regeln. Aber trotzdem ist die Schärfe nicht verloren gegangen. 👍
    Ich freue mich auf weitere Beiträge.
    Liebe Grüße
    Lisa

  3. Hallo Ihr Lieben,

    die Story ist mega! Vielen Dank, dass Ihr uns an der Entstehung von Fotos Anteil haben lasst.
    Da steckt viel Arbeit und Liebe hinter 😍
    Was mich begeistert sind die Vorher- Nachherfotos. Als Anfänger ist das so viel einfacher zu verstehen.
    Auch das Foto in die andere Richtung ist krass. So ein Unterschied wenn man gegen die Sonne fotografiert.

    Ich freue mich schon auf Eure nächste Story!

    Liebe Grüße
    Sonja

  4. Hallo Jan, hallo Sina,

    danke für den informativen Artikel.

    Da ich ja schon live erlebt habe, welche Spontanität Ihr beiden beim Shooting entwickelt und dass das Weitwinkel Jans bester Freund ist, kann ich mir diesen Morgen auf dem Pass mit all seiner Thermik gut vorstellen!*Lach!

    Bei uns liegen die Kameras mittlerweile gut gesichert, aber immer griffbereit, damit wir genau diese Gelegenheiten nicht verpassen.

    Ein Tipp für alle: gönnt Euch ein LIVE-Shooting mit Sina und Jan (oder verschenkt es- noch 70 Tage bis Weihnachten!). Ihr werdet solche Bilder selber machen!

    Liebe Grüße – auch von Norbert
    Martina

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