Was ist ein gutes Foto?

Es ist unser aller Ziel in der Fotografie. Egal, wie lange wir schon fotografieren, egal, was unser Motiv ist. Jedes Mal, wenn wir die Kamera in die Hand nehmen und jedes Mal, wenn wir den Auslöser drücken, haben wir den einen Wunsch: Ein gutes Foto machen.

Was aber ist das überhaupt, ein gutes Foto? Ich möchte mich dieser Frage in diesem Artikel sowohl aus meiner professionellen als auch aus meiner persönlichen Sicht nähern. Und ich bin extrem gespannt auf deine!

Was ist ein gutes Foto?

Es gibt Fotos, die hauen einen um. Man wird förmlich in das Bild hineingezogen, schaut es lange an, möchte es jemand anderem zeigen, seine Faszination teilen.

Manchmal sind das epische Landschaftsfotos, manchmal Sportaufnahmen, spektakuläre Wildtierfotos, intensive Portraits. Steve McCurrys Bild des afghanischen Flüchtlingsmädchens Sharbat Gula ist für viele so ein Foto. Du kannst es dir hier anschauen: https://www.artberlin.de/kuenstler/steve-mccurry/

Warum fasziniert dieses Foto so? Warum könnten wir uns manche Fotos ewig und immer wieder anschauen, während wir die allermeisten sofort überblättern? Was haben diese „guten Fotos“ gemeinsam? Und wie gelingt es uns, selbst so ein „gutes Foto“ zu machen?

Was ist ein gutes Foto?

Technische Perfektion

Wenn man sich die täglichen Diskussionen in Facebook-Fotogruppen durchliest, an Treffen von Fotovereinen teilnimmt, einschlägige Fotoforen besucht, durch Fotomagazine blättert oder die Google-Suchanfragen auswertet, dominiert ein Thema alle Seiten, alle Diskussionen, alle Fragen zur Fotografie: Ausrüstung und technische Perfektion.

Im DSLR-Forum etwa, dem größten deutschen Fotoforum, gibt es 18 Unterforen zum Thema Ausrüstung (jeweils gegliedert in dutzende weitere Unterforen) und 7 Unterforen zum Thema Technik. Es gibt 0 Unterforen zu Themen wie Kreativität, Bildgestaltung, Momente, Sehen, Licht, Stimmung, Geschichten erzählen.

Ist es also das?

Beschränkt sich Fotografie auf Ausrüstung und Technik? IST Fotografie Ausrüstung und Technik?

Meine Meinung dazu habe ich in „Warum deine Kamera völlig egal ist“ vor einiger Zeit schon dargestellt. Lies es, wenn du denkst, dass deine Ausrüstung entscheidend dafür ist, wie gut deine Fotos werden.

Eine Bemerkung zu all diesen Vergleichen, all den Testcharts, all den Tabellen: Steve McCurry hat sein Foto des afghanischen Mädchens mit einer Nikon FM2 aufgenommen. Du bekommst sie für unter 200€. Und trotzdem, sein Foto ist technisch exzellent.

Fakt ist, dass es egal ist, mit welcher Marke oder welchem Gerät (dazu gehören auch Smartphonekameras) du fotografierst. Du kannst mit jeder Kamera grausame Fotos machen und mit jeder heute auf dem Markt verfügbaren Kamera großartige. Einige meiner erfolgreichsten Fotos habe ich mit altem Einsteigerequipment aufgenommen. Für viele Menschen sind einige ihrer wichtigsten Fotos Handyfotos.

Fakt ist aber auch, dass technische Parameter wie Schärfe und Belichtung wichtig für ein gutes Foto sind. Fast alle Fotos, die gemeinhin als „gute Fotos“ bezeichnet werden, sind technisch in Ordnung. Der Schärfepunkt sitzt da, wo er sein sollte, die Belichtung ist ansprechend.

Jedes Jahr werden die Sony World Photography Awards verliehen, die – nach Darstellung der Medien – die besten Fotos der Welt auszeichnen. Du kannst dir hier die Gewinnergalerien der letzten zehn Jahre anschauen: https://www.worldphoto.org/sony-world-photography-awards/winners-galleries

Ja, ohne Frage sind all diese Fotos technisch einwandfrei. Ohne Frage sind sie darüber hinaus aber auch noch so viel mehr.

Ein gutes Foto mit Sonnenaufgang über Kappadokien
Ich zeige dieses Foto gerne als Beispiel für die Unwichtigkeit des Fotoequipment. Ich habe es nicht nur mit einer alten Einsteigerkamera (Canon 400D) aufgenommen, auch war das Objektiv defekt, die Blende ließ sich nicht mehr verstellen. Dennoch zeigt das Foto den Moment genau so, wie ich möchte und ihn empfunden habe. Das Foto wird von mir selbst, aber auch von vielen anderen Menschen als gutes Foto gesehen.

Wie Fotos scharf werden, die man sie richtig belichtet, kannst du leicht lernen (zum Beispiel hier). Oder du fotografierst im Vollautomatikmodus deiner Kamera, oder mit dem Smartphone. Die Technik ist mittlerweile gigantisch, so ziemlich jedes automatisch erzeugte Foto im Alltag wird technisch einwandfrei. Unscharfe, zu dunkle und matschige Fotos mit aktuellen Smartphonekameras zu machen (hier testen wir die Kamera des aktuellen iPhone 12 Pro), ist sogar richtig schwierig. Trotzdem wirst du mir zustimmen, dass die allermeisten technisch einwandfreien Fotos, die ich, du und Milliarden anderer Menschen jeden Tag mit unseren Handys oder Kameras machen, keine „guten Fotos“ auf Weltniveau sind.

Technische Kriterien wie Schärfe, Rauschen, Farben sind meist Grundlage guter Fotos. Sie sollten aber nicht zum Selbstzweck verkommen. Ja, mein Ziel war es immer, ausreichend scharfe Fotos zu machen und die Technik hinter meiner Kamera zu beherrschen. Aber nicht, um Menschen mit der bloßen Schärfe und Farbbrillanz meiner Fotos zu beeindrucken. Sondern, um die Fähigkeit und Möglichkeit zu erlangen, mit meinen Fotos das zu zeigen und zu erreichen, was ich möchte. Mir ist wichtig, dass die Technik mir erlaubt, den Moment auf Fotos so einzufangen, wie ich möchte.

Es gibt dieses Zitat, das keinem Urheber mehr zugeordnet werden kann:

Jedes Mal, wenn mir jemand sagt, wie scharf mein Bild ist, nehme ich an, dass es sich nicht um ein sehr interessantes Foto handelt. Wenn es so wäre, dann hätte man mehr zu sagen.

Mir geht es auch so. Ich möchte, dass sich der Betrachter von meinem Foto selbst angesprochen fühlt. Nicht von dessen Schärfe oder Rauscharmut.

Was also steht noch mehr dahinter, hinter einem guten Foto?

In unserem Buch “Die Lichter der Welt” zeigen wir dir, wie du selbst die Fotos machst, die du dir wünschst. Du findest es in unserem Shop.

Gestaltung

Einen viel geringeren Wert als die Technik eines Fotos scheint für die meisten Menschen die Gestaltung einzunehmen. Hierzu gehört für mich das Ganze „WIE“ eines Fotos. Wie stelle ich etwas dar? Wie komponiere ich Farben, Linien, Formen und Licht? Wie bekomme ich all das, was ich wahrnehme, all die Gerüche, die Gefühle, die Stimmung, die Hektik oder Ruhe eines Ortes, die Magie eines intimen Moments, die Anmut und Kraft eines rennenden Raubtiers, die zerbrechliche Schönheit eines Kindes – wie bekomme ich all das auf ein einziges zweidimensionales Foto? Wie erreiche ich, dass der Betrachter sich in dem Foto verliert, es immer wieder anschauen mag, wie erreiche ich, dass Menschen vor meinem Foto innehalten? Wie banne ich die ganze Komplexität und das ganze Gefühl der Situation auf 10x15cm? Und wie schaffe ich dies in einer als ästhetisch und intensiv empfundenen Weise?

Mit jeder einzelnen dieser Frage werden dicke Bücher gefüllt und für jede einzelne dieser Aufgaben besuchen auch Profifotografen tagelange Workshops. Ein von der Gestaltung her wirklich ansprechendes Foto geht weit über die den meisten Einsteigern bekannte „Drittelregel“ hinaus. Sie meint um Welten mehr, als einen möglichst geraden Horizont möglichst nicht genau in der Bildmitte zu platzieren.

Bewusste Bildgestaltung meint, wie ein Maler keinen Aspekt des Bildes dem Zufall zu überlassen, wie ein Musiker bewusst Ton für Ton zu komponieren. Sie braucht ein extrem geschultes Auge und auch theoretisches Wissen, etwa über Linienführung, Farbkreise und über gemeinhin als ästhetisch empfundene Proportionen wie Fibonacci-Folgen und den Goldenen Schnitt ist hier sinnvoll.

Einer der wichtigsten und gleichzeitig am häufigsten ignorierten Aspekte von Bildgestaltung ist es, alles wegzulassen, was das Foto nicht unbedingt braucht. Seit wir streng darauf achten, nur die Elemente in ein Foto einzubinden, die der Bildwirkung und Bildaussage wirklich zuträglich sind, sind unsere Fotos deutlich stärker. Mach dir bei jedem deiner Fotos Gedanken darum. Was ist auf dem Bild, was du alles weglassen könntest? Ein Foto wirkt dann besonders intensiv, wenn es nicht mehr gibt, was du noch weglassen könntest. Nichtmal 2mm am unten Bildrand.

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

Antoine de Saint-Exupéry
Sina macht ein Foto in den Schottischen Highlands
Wenn wir fotografieren, versuchen wir nicht, möglichst viel auf unserem Foto draufzuhaben. Wir versuchen stattdessen, alles wegzulassen, was geht. (Hier ein Making Of aus den schottischen Highlands)

Schau dir nochmal das berühmte Foto des afghanischen Mädchens an. Achte einmal allein auf die Farbgebung und wie Steve McCurry hier mit den Komplementärfarben Rot und Grün gearbeitet hat. Wie viel schwächer wäre dieses Foto, wenn es einfach einen unruhigen Stadt-Hintergrund hätte. Oder das Mädchen ein weißes Gewand trüge. Wie viel schwächer wäre es wahrscheinlich schon, wenn das Mädchen braune Augen hätte. Steve McCurry weiß, wie Farben zusammenarbeiten und zusammen wirken. Sein Foto wirkt nicht allein durch die Farben. Aber sie tragen einen ganz wesentlichen Teil zum Erfolg dieses Fotos bei.

Ein Fotograf, der sich mit Bildgestaltung auseinandersetzt, weiß, dass der Blick des Betrachters immer zum hellsten Punkt eines Fotos wandert und dass daher, wenn möglich, der hellste Bereich des Fotos der auch inhaltlich wichtigste sein sollte. Dann sind Gestaltung und Bildaussage im Einklang. McCurry schafft das auf seinem Foto perfekt: Der hellste Bereich sind die Augen des Mädchens, der Betrachter wird von diesem förmlich „aufgesogen“. Dieses Bild ist nicht „zufällig“ so gut, nicht allein wegen seiner Geschichte und erst recht nicht wegen seiner Schärfe. Es entfaltet seine extrem intensive Wirkung vor allem auch durch die exzellente Gestaltung.

Wenn du einen Einblick bekommen möchtest, welchen Stellenwert die Bildgestaltung für uns bei der Aufnahme unserer Fotos hat, auf was wir achten und wie wir unsere Fotos bewusst in einer ganz bestimmten Weise komponieren, empfehle ich dir unsere Serie „Hinter den Kulissen“. Hier kommst du zum ersten Teil: Entstehung unseres Fotos „Morning Mood“.

Foto mit Person vom Preikestolen
Ein gut gestaltetes Foto ist eine bewusste Komposition aus Farben, Strukturen und Licht. Es zeigt eine Szene nicht irgendwie, sondern in genau dieser überlegten Art und Weise

Geschichte

Während die Gestaltung das WIE eines Fotos ist, ist die Geschichte das WAS. Nicht jedes gute Foto erzählt eine Geschichte, manche sind einfach ästhetisch schön. Gerade im Bereich der dokumentarischen Fotografie aber sind diejenigen Fotos besonders wertvoll, die es schaffen, ohne Worte drumherum, ohne Videos oder Erklärungen eine Geschichte zu erzählen. Emotionen zu vermitteln, zum Träumen anzuregen oder wachzurütteln, von der Stimmung vor Ort zu erzählen.

Rein mit Fotos Geschichten zu erzählen ist eine der schwersten, für mich aber auch wichtigsten Aufgaben der Fotografie. Denn dafür fotografieren die meisten von uns doch: Um aus fernen Ländern oder von nie wiederkehrenden, besonderen Momenten zu erzählen. Um noch in 50 Jahren mit ihren Hochzeitsfotos oder Babyfotos an ganz besondere Zeiten ihres Lebens erinnert zu werden. Um sich an geliebte Menschen zu erinnern. Um Emotionen von Konzerten, Sportevents, Geburtstagen einzufangen. Oder auch, um etwa mit Kriegs- oder Katastrophenfotografien zu zeigen, welche Zustände in anderen Teilen der Erde herrschen, um die wir uns ganz dringend kümmern müssen.

Bild vom Fischereihafen vor der Skyline von Panama Stadt
Dieses Foto zeigt den Umbruch und das schnelle Wachstum Panama Citys, einer Stadt zwischen Armut und Reichtum, Tradition und Moderne, Alt und Neu. Ohne je in der Stadt gewesen zu sein, bekommt der Betrachter ein Bild von ihren Kontrasten, ihrem Flair, ihren Problemen

Ein letztes Mal möchte ich das Foto des afghanischen Mädchens heranziehen. Wir wissen, dass sie ein Flüchtlingsmädchen ist – spätestens, seit ich es oben verraten habe. Aber schau dir das Foto mal so an, als wüsstest du es nicht. Welchen Eindruck bekommst du? Durch welche Elemente schafft McCurry es, dass du weißt, dass es ein Mädchen in Armut ist? Ein Mädchen einer anderen Kultur? Ein verschrecktes, ängstliches Mädchen?

Der Stil der Kleidung verrät die Kultur des Mädchen, der Zustand die Armut: Sie trägt kein wallendes Gewand, sondern einen zerfetzten Stoff. Ihre Haare sind unordentlich, ihre Haut dreckig, ihre Augen aufgerissen. Es ist kein seelenloses Passfoto, was wir hier vor Augen haben, es ist die Geschichte von Vertreibung, Armut, Angst und Katastrophe auf einem einzigen Foto. Wir müssen nichts über die Begleitumstände dieses Fotos wissen, um uns sicher zu sein, dass dieses Mädchen in der letzten Zeit Schlimmeres erlebt hat als die meisten von uns sich vorstellen können.

Das Foto fesselt, weil es eine intensive Beziehung zwischen Motiv und Betrachter aufbaut. Durch die ganze Gestaltung und durch die Geschichte, die es uns erzählt.

Die Umarmung der Oma am Hochzeitstag. Dieses Foto schafft es, mit nur wenigen Elementen und völlig ohne Gesichter auch für den unbeteiligten Betrachter eine Geschichte von Vertrautheit, Familie und Emotionen zu erzählen

Was ist das wichtigste Foto für dich?

Wenn du von allen Fotos, die du hast, nur ein einziges behalten dürftest, welches wäre es?

Was zeigt es? Und warum hat es diesen immensen emotionalen Wert für dich?

Vielleicht ist dein wichtigstes Foto ein Foto einer bereits verstorbenen, geliebten Person. Vielleicht ein Foto eines großen Moments, wie deiner Hochzeit, oder eines kleinen Moments, wie ein echtes Lachen deines Kindes. Vielleicht ist es ein Foto deines geliebten Haustiers oder einer Reise, an die du dich besonders gerne erinnerst. Vielleicht kannst du dich auch gar nicht entscheiden und hast viele Fotos, die für dich alle auf ihre Art das wichtigste überhaupt sind.

Ich finde, dass wir beim Fotografieren oft den emotionalen Wert der Fotos aus den Augen verlieren. Wir denken viel daran, wie das Foto für andere wirkt, aber gerade wir Fotografen sollten uns auch daran erinnern, Fotos für uns selbst zu machen. Fotos von uns, von geliebten Menschen und von unserem Leben, die später einmal eine immense Bedeutung für uns haben werden.

Eines der für mich persönlich wichtigsten Reisefotos ist ein Foto ohne jeden technischen oder gestalterischen Anspruch. Es zeigt Jan und mich, wie wir völlig erschöpft in dicker Winterkleidung in der Sonne auf einer Wiese im schottischen Nirgendwo liegen. Aufgenommen wurde es nach einem anstrengenden, eiskalten Fotomorgen, nach dem wir uns ein paar Minuten Erholung und Wärme gegönnt haben. Wir sehen auf diesem Foto nicht gut aus, machen nichts, das Licht ist furchtbar und auch sonst ist es für externe Betrachter uninteressant. In unserer Rolle „als Fotografen“ hätten wir es nie aufgenommen. Für mich aber zeigt dieses Foto die Geschichte dieses Morgens, dieser Reise und unserer ganzen beruflichen und auch persönlichen Reise der letzten Jahre. Es ist ein Foto von Erschöpfung, aber auch ein Foto von Zufriedenheit, Freude, Beisammensein. Es zeigt die Fotografie und das Reisen, die absoluten Stille des Nirgendwo und all das, was dies für uns ausmacht. Es zeigt genau diesen Moment für mich und eine Geschichte, mit der ich ein Buch füllen könnte.

Ein gutes Foto? Mitnichten. Ein gutes Foto für mich? Unbedingt.

Sonne genießen in Schottland

Die Seele des Moments

Es gibt einige Fotos, deren Geschichtserzählung ist so stark, dass die anderen beiden Parameter, technische Perfektion und Gestaltung, völlig in den Hintergrund rücken. Dies sind zum einen sehr persönliche Fotos, die einen hohen emotionalen Wert haben, wie für mich das Foto von der schottischen Wiese. Es gibt aber auch Fotos, die diesen extrem wichtigen, historischen Wert nicht nur für uns selbst, sondern für die ganze Menschheit haben: Sie zeigen wichtige Momente oder Geschichten der Menschheitsgeschichte. Diese Fotos punkten durch ihre absolute Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit: Sie zeigen eine Geschichte, die nie zuvor gezeigt wurde und die auch niemals wiederholt werden kann. Die Fotos der ersten Mondlandung etwa sind solche Bilder.

Technisch einwandfrei? Mitnichten. Gut gestaltet? Na ja. Die Geschichte, die diese Fotos erzählen, ist aber so stark, so vordergründig, dass keiner mehr auf die Idee käme, das Rauschen oder die Platzierung des Horizonts zu bemängeln.

Ja, auch diese Fotos sind „gute Fotos“, vielleicht mit die besten überhaupt. 100 weitere Aufnahmen, die es schaffen, mit einem kleinen Bild Geschichten zu erzählen, mit denen Bücher gefüllt werden, findest du hier:

Die 100 einflussreichsten Fotos der Geschichte

Meine Empfehlung: Schau sie dir einmal ohne Bildunterschriften an. Foto für Foto. Sehr viele wirst du ohne Erklärungen verstehen. Was erzählt das Bild? Wie tut es das? Welche Fotos berühren dich am meisten – und wie schaffen sie das? Ja, schau dir auch das WIE an. Viele der Fotos (nicht alle!) sind von bekannten Berufsfotografen aufgenommen, die die Fotos ganz bewusst genau so komponiert haben. Wie wirken auf diesen Fotos Geschichte und Gestaltung so zusammen, dass das Foto seine extrem starke Wirkung bekommt? Wie schaffen diese Fotos es, eine emotionale Verbindung zu dir herzustellen, obwohl du persönlich nicht beteiligt warst?

Was macht ein gutes Foto aus? Mein Fazit

Ein gutes Foto besteht für mich aus mehreren Aspekten.

Technik ist die Grundlage guter Fotos. Sie ist nicht egal, denn ich muss wissen, wie ich meine Kamera einstelle, um die Wirkung zu erzielen, die ich haben möchte. Ich muss z. B. wissen, wie ich den Fokus setze, um wichtige Bereiche hervorzuheben und ggf. andere auszublenden. Die Technik ist aber nicht so bahnbrechend vordergründig, wie es viele Diskussionen erscheinen lassen, denn ein starkes Kriegsfoto oder ein Bild eines wichtigen Moments berührt mich emotional auch dann, wenn es stark rauscht oder nicht ideal belichtet ist.
Wenn die Grundlage „Technik“ gesetzt ist, besteht ein gutes Foto für mich hauptsächlich aus 3 Aspekten:

  • Gestaltung (etwa mit Licht, Linienführung, Farben…)
    Ein gutes Foto ist bewusst gestaltet, zeigt genau das, was es zeigen will in genau der wirkungsvollsten Art. Es komponiert Licht, Farben, Linien und Formen nicht zufällig, sondern so, dass diese die Aussage des Fotos maximal unterstützen.
  • Verbindung zwischen Foto und Betrachter
    Ein gutes Foto stellt eine Verbindung zwischen sich selbst und dem Betrachter her. Dies kann eine emotionale, ganz persönliche Verbindung sein, eine rein ästhetische Verbindung oder eine historische. Es „fängt“ den Betrachter, spricht ihn ganz persönlich an. Es bringt ihm zum Denken und regt Gefühle in ihm. Dies können Gefühle im positiven oder im negativen Sinn sein; Liebe, Geborgenheit oder Freude genauso wie Wut, Trauer, Verzweiflung, Abscheu, Hass oder Angst. Das Foto „berührt“ den Betrachter, es berührt seine Gedanken und Gefühle.
  • Geschichte
    Ein gutes Foto erzählt eine Geschichte. Dies trifft nicht nur auf die Reportagefotografie zu, auf die ich hier viel eingegangen bin, sondern, beispielhaft, auch etwa auf Reisefotos, Familienfotos oder Tierfotos. Reisefotos erzählen uns eine Geschichte darüber, wie der gezeigte Ort ist, erzählen uns zum Beispiel von seiner Weite und Stille – oder seiner städtischen Hektik. Familienfotos können erzählen, wie die Familie ist, was sie macht, welche Beziehungen die Mitglieder untereinander haben. Und ein Tierfoto, auf dem etwa der Weißkopfseeadler den Fisch aus dem Fluss greift, erzählt uns viel über dieses Tier, seine Lebensart und Lebensraum, seine Stärke und Schnelligkeit.

In der Regel wirken diese drei Bereiche, Gestaltung, Verbindung und Geschichte (mit der Technik als Grundlage), auf einem guten Foto zusammen. Das Foto berührt den Betrachter durch die Geschichte, die es erzählt, spricht ihn emotional an. Dies schafft der Fotograf durch das Motiv und weil es genau auf diese eine Art dargestellt ist. Eine andere Darstellung würde die Geschichte und damit auch die Wirkung des Fotos schwächen.

Es gibt Fotos, da tritt einer der drei Aspekte so stark hervor, dass die anderen beiden unwichtig werden. Extrem persönliche Fotos zum Beispiel, die gestaltet sein können wie sie wollen und denen ein anderer Betrachter nie etwas abgewinnen könnte, die für uns aber die wichtigsten sind, weil sie so eine starke Verbindung zu uns haben. Aber auch ästhetisch sehr gut aufgebaute Fotos, die keine Geschichte erzählen und uns nicht emotional etwa an einen fernen Ort oder eine andere Situation reisen lassen, sondern rein durch ihre Komposition so sehr ansprechen, dass man sie länger betrachten möchte.

Wenn du möchtest, schau dir zum Schluss noch einmal McCurrys Foto des afghanischen Mädchens an, ein Foto aus der Collection der Times, das dich anspricht oder irgendein anderes Bild, das dir besonders gut gefällt. Schau dir an, was das Foto zeigt, wie es das tut und wie es eine Verbindung zu dir aufbaut. Erfüllt es alle drei Kriterien? Erfüllt es eins nicht? Wenn nicht, welches andere tritt für dich besonders hervor?

Lass uns Geschichten erzählen

Lass uns nicht fotografieren, um die Rauscharmut unserer Kamera, die Schärfe unseres Objektivs zu zeigen. Lass uns auch nicht fotografieren, um möglichst viel Zuspruch zu bekommen.

Lass uns fotografieren, um Geschichten zu erzählen. Und lass uns lernen, WIE wir das am besten machen.

Lass uns fotografieren, um die Seele, die Magie, die Wucht der Momente zu zeigen, die unser Leben, die die Welt ausmachen. Und um unsere eigenen Erinnerungen, unsere eigene Geschichte festzuhalten. In Fotos, die uns berühren.

Autor

Ich bin Sina, Mitbegründerin von Lichter der Welt, Fotografin und leidenschaftliche Weltenbummlerin. Ich liebe Natur, Freiheit, die Sonne auf meinem Gesicht und den Wind in meinen Haaren. Schon als Kind saß ich fasziniert vor dem Globus und malte mir aus, die Weite dieser Welt zu entdecken. Heute lebe ich diesen Traum und sammle Tipps, Inspirationen und Erfahrungen für dich!

19 Kommentare

  1. Ja, ein Artikel der in die Tiefe geht, und den berühmten Nagel auf den Kopf trifft. Fotografie hat mit dem “Wert”, dem Kaufpreis der Ausrüstung nichts, aber auch garnichts zu tun. Aber dieser Preis ist halt messbar, Kreativität nicht, denn hier kommt der Faktor “Kunst” dazu. Und der kommt vom Können, nicht vom bezahlen wollen! Wenn man so sieht, welche Statussymbole herumgetragen werden, und was dabei herauskommt, dann steht das leider oft in keinen Verhältnis. Und ganz sicher, ich weiß wovon ich schreibe. Rund 40Jahre “Graphisches Gewerbe”, das hinterlässt Spuren wie Ackerfurchen! Und schön, dass es doch noch Fotografen gibt, die Geschichten erzählen wollen – und auch können!

  2. Detlef Dittmar Antworten

    Lass uns fotografieren, um …! In wenigen Worten sehr ansprechend zum Ausdruck gebracht, was wir mit unseren Fotos aussagen möchten. Den Gedanken zum “Kriegsfoto” finde ich emotianal sehr berührend. Ich habe kürzlich eine DVD zu meiner verstorbenen Schwester erstellt. Auf dem Cover ist sie mit ihren Grübchen und in Schürze zu sehen. Warum? Es ist meine Erinnerung, so war sie, das war ihr Leben!
    Zu Literatur und Kommunikation: Verschiedene “Fotobücher” stehen bei uns im Regal. Ein Handbuch zu Photoshop Elements hat einige hundert Seiten, dort schaue ich nur, rein um Hilfe bei Fragen zu finden. Bei der fotocommunity wurde ich regelrecht mit Mails erschossen.
    DANKE!

  3. Ein guter und sehr zutreffender Artikel und eine schöne Fortsetzung zum Artikel “Eine Hommage an deine Fotografie”. Vielen Dank.

  4. Als Hobbyfotograf bin ich jetzt seit ca. 2 Jahren aktiv “unterwegs”. Ich hab mich immer gefragt, was denn die Unterschiede zwischen diesem und jenem Bild sind, warum auf das eine mehr reagiert wird als auf ein anderes. Dein Artikel hat mir (mal wieder) gezeigt, dass man alle Aspekte der Fotografie berücksichtigen sollte – in welcher Gewichtung, hängt vielleicht dann vom Motiv ab. Ich denke, dass es so wenige herausragende Aufnahmen gibt liegt einfach daran, dass man sich viel zu wenig Zeit nimmt, und dieses “Auslösen” an der Kamera nicht bewusst tut. Na ja, zugegeben bekommt man viele dieser herausragenden Motive wie diese in den 100 einflussreichsten nicht jeden Tag vor die Linse. Da gehört dann auch ein bisschen Glück zu, zur rechten Zeit an der richtigen Stelle zu sein. Aber das lesen des Artikels und die Bilder schärfen doch wieder das Bewusstsein, sich wieder mit dem Wie, Was, Warum usw. auseinander zu setzen.

    Vielen Dank dafür.

  5. Vielen Dank für diesen Artikel. Sicher gibt es viele technisch hervorragende Bilder aber das ist es nicht allein, worauf es ankommt. Am Ende entscheidet der Betrachter und die Gründe für sein Urteil können vielfältig sein.

  6. Hallo Sina,
    sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht, natürlich ist es so, daß die Arbeit mit gutem Werkzeug mehr Spaß machen kann.
    Ich kenne aus persönlichem Erleben auch solche Diskussionen in gewissen Foren, wo stundenlang über schiefe Horizonte und einzelne Pixel gestritten wird, aber niemand erkennt, welche Gefühle das Foto anspricht.
    Hier noch ein schönes Beispiel von einem Fotokurs: ein Teilnehmer mit einer gefühlt 6000€ teuren Ausrüstung amüsierte sich über ein junges Mädchen mit einer 100€-“Knipse” vom Discounter, am letzten Abend waren es aber ihre wunderbar gefühlvollen Fotos, die von allen anderen bewundert worden ….

    liebe Grüße, Ralf

    • Hallo Ralf,

      so ein Erlebnis hatte ich auch schon in einem Fotokurs. Und am letzten Abend beim Betrachten der Bilder war der mit der super-teuren “Profi-Ausrüstung” dann auch derjenige, der bei allen anderen Bildern – außer seinen eigenen und denen von seinem Freund mit der gleichteuren Ausrüstung – etwas auszusetzen hatte. Dabei ging es immer um technische Unzulänglichkeiten, zuviel Rauschen, unschönes Bokeh, stürzende Linien, aber es kam nicht eine Äußerung über die Gestaltung, Aussage o.ä. Das alle anderen Teilnehmer seine Kritik nicht geteilt haben, konnte er dann gar nicht verstehen…

      Viele Grüße
      Manfred

  7. Martina Höfel Antworten

    Hallo Sina,

    mich haben von jeher Augen und Gesichter fasziniert. Von daher ist einer meiner Favoriten der Tuareg man von Pascal Maitre. Das Bild bekommt aber gerade Konkurrenz von Christopher Hunts Portrait von Greta Thunberg – das hat mich im Museum Fotografiska in Stockholm sofort gepackt.

    Liebe Grüße
    Martina

  8. Brigitte Dürr Antworten

    Ein Artikel, den man mehrfach lesen muss, der unter die Haut geht, der zum Nachdenken anregt und der Mut macht und Freude an diesem herrlichen Hobby, die Welt in Emotionen zu sehen und nicht in perfekten Fotos…
    Liebe Grüße Brigitte

    • Sina Antworten

      Liebe Brigitte,
      genau so soll es sein, ich freue mich wahnsinnig, wenn ich das vermitteln kann!

      Liebe Grüße
      Sina

  9. Hallo Sina,

    Wahnsinn, wie informativ und emotional ansprechend dein Artikel ist. Das liest sich so angenehm wie ein TED-Talk anzuschauen ist. Vielleicht wäre das auch mal ein passendes Format für das Thema. Den Inhalt hast du ja schon. 😉

    Liebe Grüße
    Jill

    • Sina Antworten

      Hallo Jill,

      wow, was für ein gigantisches Kompliment. Ich danke dir von Herzen!

      Liebe Grüße
      Sina

  10. Liebe Sina, im Juni dieses Jahres wollen Musemsleute mich besuchen und über Fotografie sprechen.
    Sicher werden sie mir die Fragen stellen “Was ist ein gutes Foto”?
    Ich werden Ihren Beitrag ausgedruckt auf den Tisch legen. Besser kann man es nicht fomulieren.
    Ich und habe in dieser komprimierten Form noch nichts besseres gelesen. Ich bin begeistert, auch über die Bildbeispiele!!!
    Herzliche Grüße aus Dortmund
    Wolfgang Schreier (DGPh)

    • Sina Antworten

      Hey Wolfgang,

      das ist ein riesiges Lob und freut mich unheimlich, vielen herzlichen Dank!

      Viel Spaß weiterhin bei uns!

      Liebe Grüße
      Sina

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